Systemisches Denken bedeutet systemtheoretisches Erklären1
Systemische Beratung und Supervision haben ihre Grundlagen in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen: in der Kybernetik, der Erkenntnistheorie, der Theorie sozialer Systeme, der Kommunikationstheorie etc. An dieser Stelle soll auf Zirkularität als besonderer Typ von Erklärung und auf den Konstruktivismus eingegangen werden.

Denken in Wechselwirkungen
Was macht systemisches Denken so besonders? Es ist eine Art die Welt zu beschreiben, die nicht nach „der einen“ Erklärung für ein Phänomen sucht, sondern nach Erklärungsmöglichkeiten, die in Wechselwirkung stehen. Man beschreibt also nicht lineare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, sondern zirkuläre Erklärungen.
Ein Beispiel: ein Paar streitet – wer hat angefangen? Beide würden behaupten, der jeweils andere hat Schuld. Also: weil A sich so verhält, verhält sich B so – und umgekehrt!
Systemisches Denken beschreibt das Paar hingegen in Interaktion, in Wechselwirkung. Man kann nicht sagen, wer angefangen hat, oder gar wer Schuld hat.
Das macht die Betrachtung des „Problems“ auf den ersten Blick komplexer, denn: wo soll man nun ansetzen? Dann wieder macht es die Betrachtung leichter, denn: es ist fast egal, wo man ansetzt. Eine Veränderung an einer Stelle in der Interaktion löst Veränderungen an anderen Stellen aus.
Wirklichkeit wird konstruiert
Der radikale Konstruktivismus geht davon aus, dass Wirklichkeit nicht aus sich heraus existiert, sondern nur von einem Beobachter zu einer Wirklichkeit konstruiert wird. Demnach werden Informationen nicht einfach aufgenommen, sondern sie werden verarbeitet und eingeordnet. Der Mensch vollbringt dabei eine beachtliche kognitive Leistung.
Der soziale Konstruktionismus geht einen Schritt weiter und erklärt die Wirklichkeit zu einem Produkt sozialer Interaktion. Nur durch die Kommunikation über das Beobachtete entsteht zwischen Menschen so etwas wie eine gemeinsame Realität.
Ein Beispiel von Paul Watzlawick: “In jeder Kultur gibt es eine Regel über den “richtigen” Abstand, den man einem Fremden gegenüber en face einzunehmen hat.”2 Diese Regeln sind beispielsweise in Westeuropa und dem Mittelmeerraum sehr verschieden; zu Konflikten oder Irritation kommt es, wenn Menschen aus den unterschiedlichen Kulturen aufeinander treffen. Diese Regeln sind eine soziale Konstruktion!

1 vgl. Simon, Fritz B. [2006] 72015. Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus. Heidelberg: Carl-Auer. 12.
2 Watzlawick, Paul. [1976] 152014. Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen. München: Piper. 17.
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